Next-Gen Education

Identität der nächsten Generation: Wie Family Offices aufstrebende Erben begleiten

Identitätsbildung, wenn die Familienbilanz noch nicht die eigene ist.

Editorial Team14 Min. Lesezeit
A classroom setting with a teacher proctoring an exam, students focused on their tests.
Photo: RDNE Stock project / Pexels

Kernaussagen

  • Studien der Williams Group zeigen, dass rund 70 Prozent aller Vermögensübertragungen in der zweiten Generation scheitern – als Hauptursache gelten nicht Fehlinvestitionen, sondern der Zusammenbruch von Kommunikation und Vertrauen.
  • Identitätsdiffusion – die Unfähigkeit junger Erwachsener, die eigene Handlungsfähigkeit von der finanziellen Familienidentität zu trennen – ist ein klinisch anerkanntes Entwicklungsrisiko für Nachkommen aus vermögenden Familien, kein Luxusproblem.
  • Der Unterschied zwischen einem Vermögenspsychologen und einem Executive Coach ist rechtlich wie therapeutisch bedeutsam; wer beides vermengt, riskiert Haftungsexposition und unwirksame Interventionen.
  • Strukturierte Beteiligungsformate – Räte der nächsten Generation, Hospitanzrollen in Anlageausschüssen sowie abgestufte Trustee-Beobachterprogramme – zeigen messbare Auswirkungen auf langfristiges Stewardship-Verhalten.
  • UHNW-Familien mit Strukturen in mehreren Jurisdiktionen – etwa mit Schweizer Stiftung, Luxemburger Holding und Begünstigten in Deutschland und Österreich – sollten Programme zur Entwicklung der nächsten Generation mit Governance-Dokumenten wie der Familienverfassung und Gesellschaftervereinbarungen abstimmen, um Erwartungen zu vermeiden, die mit rechtlichen Eigentumsstrukturen kollidieren.
  • Die Rolle des Family Office besteht in Koordination und Moderation, nicht in therapeutischer Versorgung – diese Abgrenzung schützt sowohl die Institution als auch die betreuten Personen.
  • Philanthropische Strukturen, insbesondere Stiftungen und vergleichbare Förderinstrumente, sind nach wie vor der wirksamste Einstieg für die nächste Generation, um finanzielles Urteilsvermögen in einem abgegrenzten, risikoarmen Umfeld zu entwickeln.

Das Identitätsproblem, das keine Bilanz lösen kann

Irgendwo zwischen dem Moment, in dem ein Kind erstmals begreift, dass die eigene Familie vermögend ist, und dem Tag, an dem es die erste Trustee-Resolution unterzeichnet, geschieht etwas psychologisch Folgenreiches – oder scheitert daran. Die Family-Office-Branche hat Jahrzehnte damit verbracht, Anlagerichtlinien, Nachfolgestrukturen und Steueroptimierungskonzepte zu verfeinern. Deutlich weniger Zeit hat sie der Entwicklungsfrage gewidmet, die all dem zugrunde liegt: Wer ist diese Person – unabhängig von den Vermögenswerten, die sie eines Tages kontrollieren wird?

Das ist keine weiche Frage. Die Williams Group, eine US-amerikanische Beratung für Familienvermögen, verfolgt seit Jahrzehnten die Ergebnisse generationsübergreifender Vermögensübertragungen und stellt konsistent fest, dass rund 70 Prozent der Übergänge in der zweiten Generation scheitern – in der dritten Generation steigt diese Quote auf rund 90 Prozent. Entscheidend ist dabei: Die Forschung führt diese Misserfolge überwiegend auf den Zusammenbruch von Familienkommunikation, Vertrauen und gemeinsamem Zweck zurück – nicht auf schlechte Anlageentscheidungen oder Fehler in der Steuerplanung. Die psychologische Infrastruktur einer wohlhabenden Familie ist laut diesen Daten ein besserer Prädiktor für Vermögenskontinuität als die finanzielle Infrastruktur.

Für Mitglieder der nächsten Generation – ein Begriff, der in professionellen Family-Office-Kreisen zunehmend gegenüber 'Erben' bevorzugt wird, weil er Handlungsfähigkeit statt Passivität impliziert – besteht die zentrale Entwicklungsaufgabe in der Identitätsbildung unter Bedingungen erheblicher materieller Asymmetrie. Sie bewohnen eine Bilanz, die sie nicht aufgebaut haben, auf die sie noch nicht zugreifen können und über die sie möglicherweise niemals vollständig verfügen werden. Diese Situation prägt das Selbstbild auf eine Weise, die die klinische Psychologie erst in jüngerer Zeit systematisch zu untersuchen beginnt.

Psychologie des geerbten Vermögens: Was die Forschung wirklich zeigt

Die psychologische Literatur zu geerbtem Vermögen ist dünner, als das Thema es verdient – unter anderem weil wohlhabende Familien in klinischen Forschungsstichproben systematisch unterrepräsentiert sind. Die vorhandenen Arbeiten – insbesondere die Studie von Joanie Bronfman aus dem Jahr 1987 zur Erfahrung geerben Reichtums, die bis heute als Grundlagenreferenz gilt, sowie neuere Beiträge der Family Wealth Alliance und des Purposeful Planning Institute – zeichnen dennoch ein konsistentes Bild spezifischer Entwicklungsrisiken.

Identitätsdiffusion und das Attributionsproblem

Erik Eriksons Konzept der Identitätsdiffusion – ein Zustand, in dem ein Heranwachsender oder junger Erwachsener kein kohärentes Selbstbild entwickeln kann – nimmt in wohlhabenden Familien eine besondere Form an. Der übliche Entwicklungspfad beinhaltet das Erproben von Kompetenz durch Anstrengung, Scheitern und schrittweisen Erfolg. Für Nachkommen aus Ultra-High-Net-Worth-Familien ist dieser Pfad systematisch gestört. Der Zugang zu Ressourcen bedeutet, dass Misserfolge oft abgefedert werden, bevor sie lehrreich sein können. Soziale Netzwerke sind häufig familienvermittelt, sodass es schwerfällt, echte Freundschaft von Nähe zum Familienvermögen zu unterscheiden. Berufliche Chancen gelangen oft über familiäre Beziehungen – mit der dauerhaften Unsicherheit, ob Erfolg tatsächlich auf eigene Fähigkeiten zurückgeht.

Psychologen, die in diesem Bereich tätig sind, bezeichnen dies als Attributionsproblem: Die betreffende Person kann Ergebnisse nicht verlässlich der eigenen Handlungsfähigkeit zuschreiben. Eine 2019 im Journal of Family and Economic Issues veröffentlichte Studie stellte fest, dass junge Erwachsene aus vermögenden Haushalten signifikant häufiger über sogenannte 'Selbstwirksamkeits-Ambiguität' berichteten – Unsicherheit darüber, ob sie ohne finanzielle Familienunterstützung erfolgreich sein könnten – als Gleichaltrige aus Mittelschichtshaushalten. Diese Ambiguität löst sich durch die Vermögensübertragung nicht automatisch auf; in vielen Fällen verstärkt sie sich sogar, weil Eigentümerschaft sowohl Sichtbarkeit als auch Prüfung mit sich bringt.

Anspruchsdenken, Schuldgefühle und das Spektrum dazwischen

Der öffentliche Diskurs über geerbtes Vermögen pendelt meist zwischen zwei Karikaturen: dem anspruchsvollen Erben, der Wohlstand als selbstverständlich betrachtet, und dem schuldgeplagten Begünstigten, der durch das Bewusstsein struktureller Ungleichheit gelähmt ist. Die klinische Erfahrung zeigt, dass die meisten Angehörigen der nächsten Generation keinen dieser Extrempole bewohnen, sondern eine komplexere innere Landschaft navigieren, die je nach sozialem Kontext wechselt. In Peer-Gruppen ausserhalb der Familie wird Reichtum häufig verschwiegen oder heruntergespielt. Innerhalb der Familie wiederum gilt er oft als so selbstverständlich, dass das Thematisieren seiner psychologischen Implikationen transgressive wirkt.

Diese Verdeckungsdynamik hat praktische Konsequenzen für die Family Governance. Wenn Mitglieder der nächsten Generation ihre Beziehung zu Vermögen nicht offen besprechen können – nicht einmal innerhalb der Familie –, können sie auch nicht sinnvoll an Governance-Gesprächen über Stewardship, Werteausrichtung oder philanthropische Ausrichtung teilnehmen. Ein Family Office, das das Engagement der nächsten Generation primär als technisches Bildungsproblem behandelt (Jahresabschlüsse lesen, Trust-Strukturen erklären) und dabei das emotionale Fundament ignoriert, optimiert die falsche Variable.

Finanzielle Bildung ist notwendig, aber nicht hinreichend: Psychologische Bereitschaft entscheidet darüber, ob dieses Wissen in wirksames Stewardship mündet.

Therapeuten versus Coaches: Ein Unterschied mit professionellen und rechtlichen Konsequenzen

Der Beratungsmarkt für Familienvermögen hat eine wachsende Zahl von Akteuren hervorgebracht – Vermögenspsychologen, Family Coaches, Legacy-Berater, Next-Gen-Advisors –, deren Qualifikationen, Methoden und rechtlicher Status erheblich variieren. Für Family Offices ist die Unterscheidung zwischen lizenzierten Fachleuten für psychische Gesundheit und nicht-klinischen Coaches keine Frage der Semantik; sie hat Auswirkungen auf Vertraulichkeit, Tätigkeitsbereich und die Art der zulässigen Interventionen.

Was ein lizenzierter Vermögenspsychologe kann – und was nicht

Ein approbierter Psychologe oder Therapeut, der im Kontext von Familienvermögen tätig ist, bringt klinische Ausbildung mit, die es ihm ermöglicht, diagnostizierbare Erkrankungen – Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen – zu erkennen und zu behandeln, die bei Nachkommen aus vermögenden Familien häufig auftreten. Untersuchungen zeigen konsistent, dass Suchterkrankungen in Hochvermögensmilieus häufiger vorkommen als in der Gesamtbevölkerung – was teils auf Verfügbarkeit, teils auf die beschriebene Identitätsverunsicherung zurückgeführt wird. Ein approbierter Kliniker kann Behandlungen im Rahmen eines rechtlich geschützten Therapieverhältnisses anbieten, einschliesslich verbindlicher Schweigepflichten, die in der Schweiz unter dem Berufsgeheimnis nach Art. 321 StGB, in Deutschland unter dem ärztlichen Berufsrecht und entsprechenden Datenschutznormen geregelt sind.

Die strukturelle Einschränkung besteht darin, dass ein Therapeut, der vom Family Office für die Arbeit mit einem Mitglied der nächsten Generation mandatiert wird, einem inhärenten Konflikt zwischen dem Familiensystem als Auftraggeber und dem Individuum als Patienten ausgesetzt ist. Dieser Konflikt ist handhabbar, erfordert aber eine explizite Auftragsklärung zu Beginn: Wer ist der Klient? Welche Informationen fliessen wohin? Unter welchen Umständen kann die Vertraulichkeit gebrochen werden? Family Offices, die Kliniker ohne diese Klarheit mandatieren, schaffen sowohl ethische Risiken als auch die praktische Gefahr, dass Mitglieder der nächsten Generation – in der Ahnung der Ambiguität – genau jenes Material zurückhalten, das die Zusammenarbeit zutage fördern sollte.

Die Rolle von Executive und Family Enterprise Coaches

Nicht-klinische Coaches – darunter solche mit Zertifizierungen etwa der International Coaching Federation oder des Family Firm Institute – operieren in einem anderen Bereich. Coaching ist in den meisten Jurisdiktionen nicht in gleicher Weise reguliert wie die psychotherapeutische Tätigkeit – das gilt in der Schweiz, in Deutschland und Österreich sowie in den führenden europäischen Family-Office-Standorten Liechtenstein und Luxemburg. Die Qualität der Anbieter variiert daher erheblich; Familien sollten Coaches anhand ihrer Methodik, Supervisionspraxis und Weiterleitungsprotokolle beurteilen – nicht allein nach Zertifikat.

Was Coaches sinnvoll leisten können: Zielsetzung, Accountability-Strukturen und Kompetenzentwicklung – finanzielle Bildung, Kommunikation, Governance-Beteiligung – ohne in klinisches Territorium vorzudringen. Ein gut gestaltetes Coaching-Mandat könnte einem 28-jährigen Nachfolger helfen, eine eigene berufliche Identität jenseits des Familienvermögens zu formulieren, sich auf eine erste Beobachterrolle in einem Beirat vorzubereiten oder ein schwieriges Gespräch mit einem Geschwister über unterschiedliche Wertvorstellungen zu navigieren. Das sind bedeutsame Interventionen, die keine klinische Ausbildung erfordern – vorausgesetzt, der Coach ist kompetent genug, klinische Auffälligkeiten zu erkennen, und diszipliniert genug, adäquat weiterzuverweisen.

Die praktische Empfehlung für Family Offices lautet daher: approbierte Kliniker für individuelle psychologische Unterstützung einsetzen, Coaches für Entwicklungs- und Governance-Vorbereitung. Einem Coach sollte niemals eine klinische Einschätzung abverlangt werden; einem Kliniker sollte niemals Governance-Moderation ohne explizite Auftragsvereinbarung übertragen werden. Beide Funktionen sind komplementär – nicht austauschbar.

Governance-Strukturen, die gesunde Identitätsentwicklung fördern

Identität bildet sich nicht allein in Therapiesitzungen. Für Mitglieder der nächsten Generation findet die nachhaltigste Identitätsarbeit in strukturierten Kontexten statt, in denen sie reale – wenn auch begrenzte – Handlungsmacht über folgenreiche Entscheidungen ausüben. Die Governance-Architektur, die ein Family Office rund um das Engagement der nächsten Generation aufbaut, ist daher keine administrative Übung, sondern ein Entwicklungsraum.

Räte der nächsten Generation: Gestaltungsprinzipien

Räte der nächsten Generation – ständige Gremien, die jüngeren Familienmitgliedern eine formelle Stimme in Familienangelegenheiten geben – sind zu einem verbreiteten Element anspruchsvoller Family Governance geworden. Ihre Wirksamkeit variiert jedoch erheblich, abhängig vom Design. Die entscheidende Variable ist, ob der Rat echte Entscheidungsbefugnis über irgendetwas hat oder ob er lediglich als konsultatives Gremium fungiert, dessen Empfehlungen höflich entgegengenommen und selten umgesetzt werden.

Die Forschung im Bereich Familienunternehmen zeigt konsistent, dass das Engagement der nächsten Generation am wirksamsten ist, wenn es echte Verantwortung umfasst – die Erfahrung, eine Entscheidung zu treffen und mit deren Konsequenzen zu leben. Das bedeutet nicht, einem 22-Jährigen ein Stimmrecht bei der Private-Equity-Allokation des Family Office einzuräumen. Es bedeutet aber, dem Rat echte Entscheidungsbefugnis über einen definierten Bereich zu übertragen: etwa die Aufsicht über die Fördertätigkeit der Familie in einem bestimmten Themenfeld, die Verwaltung eines Seed-Funds für unternehmerische Familienprojekte oder die Verantwortung für die Durchführung von Familienbildungsveranstaltungen mit einem realen Budget.

Die Governance-Dokumentation für einen solchen Rat sollte folgende Punkte adressieren: Mitgliedschaftskriterien und Amtszeitbegrenzungen, das Verhältnis des Rates zum Familienbeirat oder Anlageausschuss, das delegierte Budget und die Entscheidungsbefugnis, Eskalationsprotokolle bei Konflikten zwischen Ratsbeschlüssen und Familienpolitik sowie den Prozess, durch den Mitglieder der nächsten Generation vom Rat in formelle Governance-Rollen übergehen. Ohne diese Dokumentation droht der Rat zu einem sozialen statt zu einem Governance-Gremium zu werden – angenehm, aber entwicklungsinert.

Trustee-Beobachterprogramme und Hospitanzrollen in Anlageausschüssen

Zwei der konsistent wirksamsten strukturellen Massnahmen für die Entwicklung der nächsten Generation sind Trustee-Beobachterprogramme und Hospitanzrollen in Anlageausschüssen. Beide bieten Einblick in reale Governance-Prozesse, ohne verfrühte Treuhandverantwortung zu übertragen.

Im Rahmen eines Trustee-Beobachterprogramms nimmt ein Mitglied der nächsten Generation – ohne Stimmrecht – an Trustee-Sitzungen teil, darunter solche von Ermessenstrusts, an denen es als Begünstigter beteiligt ist. Es erhält dieselben Unterlagen wie die Trustees, nimmt auf Einladung an Diskussionen teil und wird mit dem treuhänderischen Denken vertraut gemacht, das Ausschüttungsentscheidungen leitet. Das entmystifiziert die Trust-Struktur – ein erheblicher psychologischer Gewinn für Personen, die jahrelang in Bezug auf Vermögen standen, über das sie keine Kontrolle hatten –, baut Fachkompetenz auf und signalisiert dem Mitglied der nächsten Generation, dass die Familie die künftige Governance-Beteiligung ernst nimmt.

Anlageausschuss-Hospitanzen funktionieren ähnlich. Ein Mitglied der nächsten Generation wird für einen definierten Zeitraum – typischerweise zwölf bis 24 Monate – dem Investmentteam des Family Office zugeteilt, nimmt an Portfolio-Review-Sitzungen teil, begleitet Manager-Due-Diligence-Prozesse und erstellt unter Aufsicht von Fachkräften Analysen zu bestimmten Anlageklassen. Die Hospitanz sollte formelle Leistungsnachweise umfassen – eine schriftliche Analyse einer Investitionsthese, eine Präsentation vor dem Anlageausschuss –, um jene Accountability-Struktur zu schaffen, die das Erlebnis entwicklungsrelevant statt bloss beobachtend macht.

Familien, die unter der europäischen AIFMD-Regulierung (Alternative Investment Fund Managers Directive) operieren – in der Schweiz unter dem vergleichbaren FINMA-Regulierungsrahmen für kollektive Kapitalanlagen gemäss KAG –, sollten beachten, dass die Beteiligung der nächsten Generation an Anlageprozessen sorgfältig strukturiert werden muss, um unbeabsichtigte regulatorische Pflichten zu vermeiden. Juristischer Rat sollte vor der Programmumsetzung eingeholt werden.

Philanthropie als zugänglichstes Entwicklungslabor

Wenn ein einzelner Governance-Mechanismus sich als besonders wirksam erwiesen hat, um Identität und finanzielle Kompetenz der nächsten Generation zu entwickeln, dann ist es die Beteiligung an Philanthropie. Stiftungen und vergleichbare Förderstrukturen bieten ein abgegrenztes Umfeld, in dem Mitglieder der nächsten Generation echtes Ermessen über bedeutende Summen ausüben, Beziehungen zu Begünstigten und Beratern aufbauen und den vollständigen Zyklus der Förderentscheidung – von der Strategieentwicklung bis zur Wirkungsbeurteilung – durchlaufen können, ohne die Komplexität von Anlagerisiken.

Studien belegen, dass Familien, die Mitglieder der nächsten Generation in die Stiftungsführung einbinden, messbar höhere Raten fortgesetzten philanthropischen Engagements im Erwachsenenalter verzeichnen – und dass dieses Engagement mit einer stärkeren Identifikation mit Familienwerten und einer grösseren Bereitschaft korreliert, sich an der breiteren Family Governance zu beteiligen. Der Wirkmechanismus ist nachvollziehbar: Philanthropie verlangt vom Mitglied der nächsten Generation, die eigenen Werte zu artikulieren, analytische Fähigkeiten zu entwickeln und unter Unsicherheit zu urteilen – genau die Kompetenzen, die wirksames Stewardship von Familienvermögen erfordert.

Familien, die Stiftungsstrukturen in Betracht ziehen, sollten die anwendbaren Rechtsrahmen berücksichtigen. In der Schweiz sind Stiftungen durch die Artikel 80 bis 89 des Zivilgesetzbuches geregelt, mit kantonaler Aufsicht durch die zuständigen Stiftungsaufsichtsbehörden sowie die Eidgenössische Stiftungsaufsicht. In Deutschland unterliegen gemeinnützige Stiftungen dem Stiftungsrecht der jeweiligen Bundesländer sowie dem Gemeinnützigkeitsrecht der Abgabenordnung; in Österreich gilt das Privatstiftungsgesetz. Mitglieder der nächsten Generation, die in der Stiftungsführung mitwirken, sollten eine fundierte rechtliche Einführung in diese Rahmenbedingungen erhalten – nicht nur um Regelverstösse zu vermeiden, sondern weil das Verständnis treuhänderischer Pflichten im philanthropischen Kontext eine ausgezeichnete Vorbereitung auf das Verständnis dieser Pflichten im Anlagekontext darstellt.

Entwicklungsprogramme und rechtliche Eigentumsstrukturen in Einklang bringen

Eines der folgenreichsten – und häufig übersehenen – Risiken in der Entwicklungsarbeit mit der nächsten Generation ist die Schaffung von Erwartungen, die mit der rechtlichen Eigentumsstruktur des Familienvermögens kollidieren. Ein Mitglied der nächsten Generation, das an Anlageausschusssitzungen teilgenommen hat, im philanthropischen Beirat der Familie tätig war und drei Jahre Family-Governance-Retreats besucht hat, erwartet zu Recht, dass seine Stimme bei Entscheidungen über Familienvermögen Gewicht hat. Wenn die rechtliche Struktur – ein Ermessenstrust, eine Holdinggesellschaft mit konzentrierter Stimmrechtsbündelung, eine Familienpersonengesellschaft – diese Stimme nicht vorsieht, ist das Ergebnis sowohl ein Beziehungsbruch als auch in manchen Fällen ein Rechtsstreit.

Family Offices sollten vor dem Start eines bedeutenden Entwicklungsprogramms eine systematische Abgleichsprüfung durchführen. Diese Prüfung sollte die Erwartungen, die das Programm voraussichtlich weckt, mit den tatsächlichen Rechten abgleichen, die Mitglieder der nächsten Generation unter der aktuellen Eigentumsstruktur besitzen. Wo Lücken bestehen, hat die Familie eine Wahl: die Eigentumsstruktur an die Governance-Erwartungen anpassen, das Programm an die Eigentumsstruktur anpassen oder die Lücke im Programmdesign explizit anerkennen und direkt mit den Teilnehmenden thematisieren.

Die Familienverfassung – ein rechtlich nicht verbindliches, aber moralisch autoratives Dokument, das die meisten anspruchsvollen Family Offices heute führen – ist der geeignete Ort, um die Absichten der Familie bezüglich der Entwicklung der nächsten Generation und der künftigen Governance-Beteiligung festzuhalten. Die Abstimmung der Verfassung mit den rechtlich verbindlichen Dokumenten – Trust-Urkunden, Gesellschaftervereinbarungen, Partnerschaftsvereinbarungen – ist aufwendige Arbeit, aber erheblich weniger kostspielig als die Konflikte zu managen, die entstehen, wenn sie auseinanderklaffen.

In grenzüberschreitenden Familienstrukturen wird diese Abstimmungsarbeit durch jurisdiktionelle Variation noch komplexer. Eine Familie mit einer Cayman-Islands-Trust-Struktur, einer Luxemburger Holding und Begünstigten in der Schweiz, Deutschland und Österreich bewegt sich in einem Geflecht regulatorischer und rechtlicher Rahmenbedingungen – darunter FATCA-Meldepflichten, CRS-Compliance über mehrere Abkommensstaaten sowie die potenzielle Anwendbarkeit der BEPS-Pillar-2-Regelungen auf die Holdinggesellschaft bei einem konsolidierten Umsatz von über 750 Millionen Euro. Mitglieder der nächsten Generation, die künftig Governance-Rollen in solchen Strukturen übernehmen sollen, benötigen jurisdiktionelle Kompetenz als integralen Bestandteil ihres Entwicklungsprogramms – nicht als nachträglichen Gedanken.

Die institutionelle Rolle des Family Office: Koordinator, nicht Therapeut

Das wichtigste institutionelle Prinzip für Family Offices, die in der Entwicklung der nächsten Generation tätig sind, ist Rollenklarheit. Das Family Office ist keine therapeutische Institution. Es ist keine Bildungseinrichtung. Es ist eine professionelle Dienstleistungsorganisation, deren Kernkompetenz in der Koordination komplexer finanzieller, rechtlicher und operativer Belange im Auftrag einer Familie liegt. Seine Rolle in der Entwicklung der nächsten Generation besteht darin, die Arbeit geeigneter Spezialisten – Kliniker, Coaches, Pädagogen, Governance-Berater – zu beauftragen, zu koordinieren und zu integrieren sowie sicherzustellen, dass die Governance-Strukturen, die Entwicklung unterstützen, gut gestaltet und ordnungsgemäss dokumentiert sind.

Diese Rollenklarheit ist aus mehreren Gründen bedeutsam. Erstens schaffen Family-Office-Mitarbeitende, die therapeutische oder Coaching-Funktionen ohne entsprechende Ausbildung übernehmen, Haftungsrisiken für die Institution und gefährden die Personen, denen sie helfen wollen. Zweitens reagieren Mitglieder der nächsten Generation äusserst sensibel auf Interessenkonflikte; sie sind sich bewusst, dass das Family Office dem Familiensystem dient, und werden ihre Offenheit entsprechend dosieren. Ein Family Office, das sich als unterstützende Entwicklungsressource positioniert, gleichzeitig aber der Elterngeneration über die Bereitschaft der nächsten Generation Bericht erstattet, erfüllt eine Funktion, die weder unterstützend noch entwicklungsfördernd ist.

Drittens – und vielleicht am wichtigsten – erfordert wirksame Entwicklungsarbeit mit der nächsten Generation die Koordination mehrerer Beziehungen über Jahre und Jahrzehnte. Das Family Office ist der natürlichste Koordinator dieses Prozesses – es verfügt über das institutionelle Gedächtnis, die Beziehungen zur Familie und das professionelle Netzwerk, um das richtige Team zusammenzustellen. Koordination ist jedoch eine eigenständige Funktion, die sich von der Leistungserbringung unterscheidet; Family Offices, die beides vermengen, tendieren dazu, keines von beidem gut zu machen.

Wirkung messen, ohne den Prozess zu pathologisieren

Family Offices sind mit Messung vertraut. Anlageperformance hat Benchmarks. Betriebskosten haben Budgets. Die Entwicklung der nächsten Generation ist schwieriger zu messen – die Versuchung besteht entweder darin, Messung ganz zu vermeiden (die Arbeit als per se qualitativ zu behandeln) oder unpassende Kennzahlen aus anderen Bereichen zu übernehmen.

Ein differenzierterer Ansatz gliedert Ergebnisse auf drei Ebenen. Auf der individuellen Ebene lautet die relevante Frage: Hat das Mitglied der nächsten Generation die Kompetenzen – finanzielle Bildung, Governance-Beteiligung, Werteartikulation, berufliche Identität – entwickelt, die die Familie als notwendig für Stewardship vereinbart hat? Diese können durch strukturierte Entwicklungsgespräche, die jährlich überprüft werden, mit spezifischen Meilensteinen für Governance-Übergänge beurteilt werden.

Auf der Familiensystemebene lautet die relevante Frage: Hat das Engagement der nächsten Generation familiäre Beziehungen und Kommunikation gestärkt oder belastet? Das lässt sich weniger leicht quantifizieren, aber qualitative Indikatoren – Anwesenheit bei Familientreffen, Beteiligung an Governance-Gremien, Offenheit im Gespräch über Vermögen und Werte – liefern brauchbare Näherungswerte.

Auf der institutionellen Ebene lautet die relevante Frage: Ist das Entwicklungsprogramm des Family Office im Verhältnis zum Nachfolgezeitplan der Familie angemessen gestaltet und ausgestattet? Eine Familie mit einem Zehn-Jahres-Nachfolgehorizont und keinem strukturierten Programm für die nächste Generation trägt ein Risiko, das in keinem Anlagerisiko-Framework abgebildet ist – aber mindestens so folgenreich ist wie eine fünfprozentige Allokation in illiquide Anlagen ohne adäquate Liquiditätsanalyse.

Eine Familie mit einem Zehn-Jahres-Nachfolgehorizont und keinem strukturierten Entwicklungsprogramm trägt ein Risiko, das ins Risikoregister gehört – nicht an den Rand einer Familien-Retreat-Agenda.

Was wirksame Praxis im Jahr 2025 bedeutet

Die anspruchsvollsten Family Offices beginnen heute, die Entwicklung der nächsten Generation mit derselben strukturellen Ernsthaftigkeit zu behandeln wie die Asset Allocation. Das bedeutet dedizierte Budgetpositionen – Branchenpraktiker empfehlen typischerweise, zwischen 0,5 und 1,5 Prozent der jährlichen Family-Office-Betriebskosten für Entwicklungsprogramme zu reservieren, wobei die Bandbreite je nach Familiengrösse und Komplexität erheblich variiert. Es bedeutet die formelle Zusammenarbeit mit approbierten Klinikern, akkreditierten Coaches und Governance-Experten als eigenständige Funktionen mit eigenständigen Mandaten. Und es bedeutet Governance-Dokumentation, die Entwicklungspfade für die nächste Generation explizit adressiert – einschliesslich der Kriterien für den Übergang von Beobachter- zu Teilnehmer- zu Entscheidungsträgerrollen.

Es bedeutet auch zu akzeptieren, dass diese Arbeit langsam ist. Identitätsbildung ist kein Projekt mit einem Abschlussdatum. Ein Mitglied der nächsten Generation, das mit 20 Jahren in ein strukturiertes Entwicklungsprogramm eintritt, ist möglicherweise erst mit 35 für eine bedeutungsvolle Governance-Rolle bereit. Die Aufgabe des Family Office besteht darin, die Kontinuität des Entwicklungsumfelds über diesen Zeitraum aufrechtzuerhalten – über Personalwechsel, Marktzyklen und die unvermeidlichen Familiendynamiken hinweg, die jede langfristige institutionelle Beziehung verkomplizieren.

Die Familien, die generationsübergreifende Vermögensübergänge am erfolgreichsten meistern, sind den verfügbaren Erkenntnissen zufolge nicht jene mit den besten Anlagestrategien oder den ausgefeiltesten Steuerstrukturen. Es sind die Familien, die frühzeitig und konsequent in die menschliche Infrastruktur des Vermögens investiert haben – in die psychologische Entwicklung, Governance-Vorbereitung und Identitätsbildung der Menschen, die dafür eines Tages verantwortlich sein werden. Das Family Office, das diesen Unterschied versteht und seine Arbeit entsprechend gestaltet, erbringt eine Leistung, die wirklich unersetzlich ist.

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