Governance & Succession

Familienwerte über Generationen hinweg

Vom Wertekodex zur gelebten Governance-Praxis.

Editorial Team15 Min. Lesezeit
A happy family gathered around a table, sharing memories while looking at photos.
Photo: RDNE Stock project / Pexels

Kernaussagen

  • Ein Wertekodex ohne entsprechende operative Verfahren bleibt dekorativ. Familien brauchen explizite Übersetzungsmechanismen, die formulierte Grundsätze mit Investitionsrichtlinien, Förderkriterien und Verhaltensstandards für Treuhänder verbinden.
  • Forschungsergebnisse der Williams Group zeigen, dass rund 70 % der Vermögensübergaben innerhalb von Familien spätestens in der zweiten Generation scheitern – häufiger aufgrund von Kommunikationsproblemen und unvorbereiteten Erben als wegen schwacher Anlagerenditen.
  • Werte-Audits sollten in einem strukturierten 18-bis-24-Monats-Rhythmus stattfinden – getrennt von der jährlichen Anlagenüberprüfung –, um Governance-Drift zu vermeiden, ohne Ermüdungserscheinungen zu erzeugen.
  • Wirksame Wertedokumentation unterscheidet zwischen generationsübergreifend verbindlichen Kernwerten und kontextabhängigen Anwendungen, die bei veränderten Familienverhältnissen oder externen Rahmenbedingungen regelmässig überprüft werden müssen.
  • Förderkriterien, die aus Familienwerten abgeleitet werden, reduzieren das Ermessensrisiko für Treuhänder und erfüllen die Governance-Anforderungen für gemeinnützige Stiftungen – in der Schweiz nach den Vorgaben des ZGB und der ESTV, in Deutschland gemäss Abgabenordnung (§§ 51 ff. AO) und den Richtlinien der Finanzbehörden.
  • BEPS Pillar Two und die zunehmende Reichweite des automatischen Informationsaustauschs (AIA/CRS) haben die Werte-Ausrichtung in grenzüberschreitenden Kapitalstrukturen operativ anspruchsvoller gemacht. Familien benötigen eine klare Richtlinie darüber, welche Jurisdiktionen mit ihren Grundsätzen vereinbar sind.
  • Die resilientesten Governance-Strukturen weisen konkrete Rollen namentlich zu – Wertekustos, Liaison für die Nachfolgegeneration, unabhängiges Ratsmitglied – anstatt auf gute Absichten und informellen Konsens zu vertrauen.

Warum die meisten Wertedokumente binnen eines Jahrzehnts wirkungslos werden

Der Wertekodex einer Familie ist inzwischen ein nahezu universelles Element professioneller Family-Office-Governance. Er entsteht beim Familien-Retreat, wird beim Abendessen verabschiedet und auf hochwertigem Papier gedruckt, um im Besprechungsraum zu hängen. In der Regel enthält er anerkennungswürdige Bekenntnisse zu Verantwortungsbewusstsein, Bildung, Philanthropie und familiärem Zusammenhalt. Danach liegt das Dokument unberührt, bis der nächste Generationenwechsel einen neuen Entwurfsprozess auslöst. In diesem Moment stellt die Familie meist fest, dass der ursprüngliche Kodex kaum noch etwas mit den tatsächlich getroffenen Entscheidungen gemein hat.

Das Scheitern ist kein Versagen des guten Willens, sondern eines struktureller Natur. Wertedokumente werden als Artefakte geschaffen, nicht als operative Spezifikationen. Sie beantw­orten die Frage «Wer wollen wir sein?», ohne das prozedurale Gerüst zu liefern, das beantwortet: «Wie wird diese Ambition beeinflussen, was wir nächsten Dienstag konkret tun?» Die Folge ist eine Governance-Lücke: Die formulierten Werte der Familie und ihre operative Realität driften still über Jahre auseinander – bis eine strittige Investitionsentscheidung oder ein philanthropischer Konflikt die Lücke sichtbar und schmerzhaft macht.

Untersuchungen der Williams Group, gestützt auf Längsschnittdaten von über 3.000 Familien, kommen wiederholt zu dem Ergebnis, dass rund 70 % der Vermögensübergaben den Wohlstand nicht in die dritte Generation tragen – als Hauptursachen werden Kommunikationsprobleme und mangelnde Vorbereitung der Erben genannt, nicht unzureichende Anlagerenditen. Eine separate Umfrage von RBC Wealth Management aus dem Jahr 2022 unter 4.500 vermögenden Befragten in zehn Ländern ergab, dass nur 35 % der Teilnehmer aus Mehrgenerationenfamilien angaben, ihre Werte und ihr Familienzweck seien «klar dokumentiert und werden bei Entscheidungen aktiv herangezogen». Die Stewardship-Lücke ist real, messbar und folgenreich.

Ein Wertekodex, der sich nicht in ein Vetorecht bei der Kapitalallokation, ein Förderkriterium oder einen Verhaltensstandard für Treuhänder übersetzen lässt, ist keine Governance. Er ist Inspirationsliteratur.

Die Architektur eines lebendigen Werterahmens

Familienwerte in Governance-Praxis zu übersetzen, erfordert eine mehrschichtige Architektur, die zwischen dem Dauerhaften und dem Kontextabhängigen unterscheidet. Familien, die diese beiden Ebenen vermischen, erstellen Dokumente, die entweder zu starr sind, um Generationenwechsel zu überstehen, oder zu vage, um sinnvolle Orientierung zu bieten.

Ebene eins: Kernwerte

Kernwerte sind jene Überzeugungen, die die Familie als generationsübergreifend verbindlich betrachtet – Grundsätze, von denen erwartet wird, dass sie unabhängig davon gelten, wer in zwanzig Jahren im Familienrat sitzt. Beispiele könnten sein: das Bekenntnis zum Erhalt produktiven Kapitals statt zu dessen Verzehr, eine Verwurzelung in einer bestimmten Region oder Gemeinschaft, oder ein religiöser bzw. ethischer Rahmen, der wirtschaftlich akzeptable Aktivitäten definiert. Diese Werte zu identifizieren, erfordert moderierte Strukturdialoge und keine offene Diskussionsrunde – denn Familien verwechseln häufig Kernwerte mit den Präferenzen ihrer lautstärksten aktuellen Mitglieder.

Ein nützlicher Test ist das «Gedankenexperiment der dritten Generation»: Würde sich dieses Bekenntnis für ein Familienmitglied, das in dreissig Jahren unter anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen aufwächst, noch authentisch und verbindlich anfühlen? Werte, die diesen Test nicht bestehen, sind mit grosser Wahrscheinlichkeit kontextabhängige Anwendungen und keine Kernwerte. Werden sie als dauerhaft dokumentiert, erzeugt das jene Governance-Starrheit, die jüngere Generationen zur Distanz treibt. Familien, die mit erfahrenen Moderatoren arbeiten, identifizieren typischerweise vier bis sieben echte Kernwerte. Dokumente mit dreiundzwanzig aufgelisteten Werten erfassen keine Überzeugungen – sie katalogisieren Vorlieben.

Ebene zwei: Kontextabhängige Anwendungen

Kontextabhängige Anwendungen sind zeitgebundene Übersetzungen von Kernwerten in konkrete Richtlinien. Ein Kernwert des Umweltschutzes könnte heute etwa den Ausschluss von Thermalkohle aus dem Anlageportfolio, die Anforderung einer Mindestbewertung nach DGNB oder LEED für alle Immobilienerwerbe sowie eine Förderprioritätensetzung für Gewässerschutzprojekte bedeuten. Diese Anwendungen werden in einem definierten Rhythmus – empfohlen alle 18 bis 24 Monate – überprüft und können revidiert werden, ohne dass dies impliziert, der zugrundeliegende Kernwert habe sich abgeschwächt. Diese Unterscheidung ist beim Einbezug der Nachfolgegeneration in die Governance entscheidend: Die jüngeren Familienmitglieder werden eingeladen, die Anwendungen der Werte mitzugestalten, anstatt eine fertige Ideologie zur Ratifizierung vorgelegt zu bekommen.

Ebene drei: Operative Verfahren

Operative Verfahren sind die Entscheidungsregeln, die Werte in routinemässige Governance-Abläufe einschreiben. Dazu gehören Anlagerichtlinien-Screenings (Investment Policy Statement), Verhaltensstandards für Treuhänder, Einstellungskriterien für Family-Office-Mitarbeitende sowie die Verfahrensanforderungen für Ausnahmen von der formulierten Politik. Ohne diese Ebene bleibt der Rahmen aspirativ. Die operative Ebene ist jene, auf der Werte verbindlich werden und auf der Rechenschaft eingefordert werden kann. Sie ist auch die am häufigsten ausgelassene Ebene – denn ihre Erstellung erfordert mehr Aufwand und eine grössere Bereitschaft, Einschränkungen zu akzeptieren, als das Verfassen eines Grundsatzdokuments.

Werte in Kapitalallokationsregeln übersetzen

Die Kapitalallokation ist die folgenreichste operative Domäne in jedem Family Office – und damit jener Bereich, in dem sich die Übersetzung von Werten entweder bewährt oder ihre Oberflächlichkeit offenbart. Familien bekennen sich häufig zu Werten, die ihr tatsächliches Portfolio nicht stützen würde: ein formuliertes Bekenntnis zu gesellschaftlicher Wirkung bei gleichzeitig wirkungsfreier Anlagepolitik, oder ein bekanntes Bekenntnis zur verantwortungsvollen Eigentümerschaft ohne ESG-Due-Diligence-Rahmen im Venture-Portfolio.

Der Ausgangspunkt für werteorientierte Kapitalallokation ist das Investment Policy Statement (IPS), das der natürliche Ort ist, um Familienwerte als harte oder weiche Einschränkungen zu verankern. Harte Einschränkungen sind absolute Ausschlüsse oder Anforderungen: Die Familie hält keine Eigen- oder Fremdkapitalpositionen in Unternehmen, die mehr als 15 % ihres Umsatzes mit Tabakprodukten erzielen; alle direkten Immobilienerwerbe müssen einen positiv bewerteten sozialen Mehrwert nachweisen. Weiche Einschränkungen sind Präferenzgewichtungen: Sofern alles andere gleich ist, bevorzugt die Familie Manager mit nachgewiesener Vielfalt in den Investmentteams oder Co-Investoren mit einer kompatiblen Governance-Kultur.

Die rechtliche Architektur spielt dabei eine wichtige Rolle. Für Familien, die über regulierte Strukturen agieren – etwa einen Alternative Investment Fund nach AIFMD in der EU oder ein diskretionär verwaltetes Konto, das MiFID II unterliegt –, muss das IPS mit den anwendbaren Eignungsrahmen vereinbar sein. Das MiFID-II-Regime zu Nachhaltigkeitspräferenzen, das durch die Änderungen der Delegierten Verordnung vom August 2022 eingeführt wurde, verpflichtet Wertpapierfirmen, die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden entlang von drei Dimensionen spezifisch zu erheben und zu dokumentieren: EU-Taxonomie-konforme Investitionen, nachhaltige Investitionen gemäss SFDR und Berücksichtigung wesentlicher nachteiliger Auswirkungen. Familien, deren Werte bereits ökologische oder soziale Bekenntnisse umfassen, können diese regulatorische Infrastruktur nutzen, um ihre Grundsätze zu formalisieren, anstatt Compliance und Werteausrichtung als getrennte Arbeitsströme zu behandeln. In der Schweiz operieren Family Offices ohne FINMA-Bewilligung zwar ausserhalb des direkten SFDR-Geltungsbereichs, doch die freiwillige Übernahme vergleichbarer Transparenzstandards entspricht der wachsenden Erwartungshaltung institutioneller Gegenparteien und Schweizer Grossbanken.

Das IPS ist nicht bloss ein Risikomanagementdokument. Für eine wertegetriebene Familie ist es das zentrale rechtliche Instrument, durch das ihre Grundsätze für ihr Kapital verbindlich werden.

Grenzüberschreitende Kapitalstrukturen bringen zusätzliche Komplexität mit sich. Die Ausweitung des globalen Mindeststeuerrahmens unter BEPS Pillar Two – inzwischen in mehr als 140 Jurisdiktionen verabschiedet oder in fortgeschrittener Gesetzgebung – hat einige historisch steuergetriebene Strukturierungsentscheidungen mit Wertebekenntnissen zu einem fairen Beitrag zu öffentlichen Finanzen unvereinbar gemacht. Familien, die passive Beteiligungen bislang über Niedrigsteuer-Jurisdiktionen gehalten haben, müssen nun entscheiden, ob diese Strukturen noch mit ihren formulierten Werten vereinbar sind – oder ob der Wertekodex angepasst werden muss, um die tatsächliche Praxis ehrlich widerzuspiegeln. Das ist ein Governance-Gespräch, kein blosses Steuergespräch, und es ist aufrichtiger, dieses proaktiv zu führen als nach einer AIA/CRS-getriggerten Offenlegung.

Förderkriterien als Werte in der Praxis

Die Philanthropie ist jener Bereich, in dem Familienwerte oft ihren deutlichsten praktischen Ausdruck finden – und in dem Governance-Versagen ebenfalls am sichtbarsten ist. Eine gemeinnützige Stiftung, die Fördergelder inkonsistent vergibt, auf Beziehungsdruck statt auf dokumentierte Kriterien reagiert oder nicht begründen kann, warum ein Antrag dem anderen vorgezogen wurde, hat de facto keinen Werterahmen – nur ein Budget und persönliches Ermessen.

Strukturierte Förderkriterien, die explizit aus Familienwerten abgeleitet werden, erfüllen gleichzeitig mehrere Funktionen. Aus Governance-Sicht reduzieren sie das Risiko von Eigengeschäften, das Aufsichtsbehörden beschäftigt. In Deutschland verpflichten die §§ 51 ff. AO gemeinnützige Stiftungen zur Unmittelbarkeit und Ausschliesslichkeit ihrer steuerbegünstigten Zweckverfolgung; dokumentierte, werteabgeleitete Kriterien bilden dabei den Nachweis einer interessenfreien Entscheidungsfindung. In der Schweiz erwartet die ESTV von gemeinnützigen Stiftungen, dass Förderentscheide nachvollziehbar dem Stiftungszweck dienen – was in der Praxis bedeutet, dass Vergaberichtlinien erkennbar auf dem Stiftungszweck und nicht auf familiären Präferenzen beruhen sollten.

Der Prozess der Ableitung von Förderkriterien aus Werten ist zugleich eine Governance-Disziplin, die überprüft, ob das Wertedokument tatsächlich operativ ist. Eine Familie, die sich zur «Gemeinschaftsentwicklung» bekennt, muss entscheiden, ob dies einen hyperlokal-geographischen Fokus, einen thematischen Schwerpunkt oder Kapazitätsaufbau für Graswurzelorganisationen bedeutet. Diese Entscheidungen kodieren Werte auf eine Weise, die ein Grundsatzpapier nicht leisten kann. Sie schaffen auch die Basis für eine Evaluation: Wenn Fördermittel anhand spezifischer Kriterien vergeben werden, lässt sich Fortschritt messen und die Förderpraxis im Zeitverlauf verbessern.

In der Praxis umfasst ein robuster, wertebasierter Förderrahmen: einen geographischen oder thematischen Geltungsbereich aus den Kernwerten; Mindest- und Höchstfördersummen, die der Kapazität der Stiftung für eine sinnvolle Begleitung entsprechen; Anforderungen an die organisatorische Leistungsfähigkeit oder Governance-Standards der Förderempfänger; zur Fördergrösse verhältnismässige Anforderungen an die Wirkungsmessung; sowie dokumentierte Ausstandsverfahren für Familienmitglieder mit persönlichen Beziehungen zu antragstellenden Organisationen. Stiftungen, die in mehreren Jurisdiktionen tätig sind, sollten zusätzlich eine Richtlinie zu akzeptablen Empfängerjurisdiktionen vorhalten – insbesondere da die FATF-Empfehlungen zur Geldwäschebekämpfung die Prüfung grenzüberschreitender Mittelflüsse im gemeinnützigen Bereich verschärfen.

Das Werte-Audit: Struktur, Rhythmus und Governance-Rollen

Das kritischste und am häufigsten vernachlässigte Element der familiären Werte-Stewardship ist der systematische Überprüfungsprozess – das sogenannte Werte-Audit. Anders als die jährliche Anlageüberprüfung oder die quartalsweise Familienratssitzung ist ein Werte-Audit eine strukturierte Untersuchung: Werden die formulierten Werte von der Familie noch authentisch getragen? Sind ihre operativen Übersetzungen noch angemessen? Hat Governance-Drift eine Lücke zwischen Grundsätzen und Praxis geöffnet?

Empfohlener Rhythmus und Umfang

Ein Werte-Audit sollte in einem 18-bis-24-Monats-Zyklus stattfinden – häufig genug, um auf bedeutende Veränderungen in der Familienzusammensetzung oder im externen Umfeld reagieren zu können, aber nicht so häufig, dass Governance-Erschöpfung entsteht oder der Eindruck erweckt wird, Kernwerte seien instabil. Das Audit sollte explizit von der jährlichen Finanzüberprüfung getrennt sein; eine Vermischung beider ordnet Wertediskussionen den Anlagerenditen unter und verzerrt die Prioritäten. Viele Familien empfinden es als wirksam, das Werte-Audit im zweiten Quartal anzusetzen – wenn der Jahresabschluss bereits besprochen wurde und die Familie mentale Kapazität für eine andere Art von Gespräch hat.

Der Auditumfang sollte vier Bereiche abdecken: Authentizität (Tragen die aktuellen Familienmitglieder die formulierten Werte aufrichtig, oder wurden sie unreflektiert übernommen?); Ausrichtung (Spiegeln die operativen Übersetzungen – IPS-Screenings, Förderkriterien, Einstellungsstandards – diese Werte noch korrekt wider?); Wirksamkeit (Hat der operative Rahmen nachweisbare, wertekon­sistente Ergebnisse erzeugt?); und Vollständigkeit (Haben sich bedeutende neue wertebeladene Fragen aufgetan – rund um Künstliche Intelligenz, geopolitische Risiken, Klimaanpassung –, die der bestehende Rahmen nicht adressiert?).

Governance-Rollen im Auditprozess

Das Werte-Audit benötigt definierte Governance-Rollen statt eines informellen Prozesses, da die Qualität seiner Ergebnisse von strukturierten Beiträgen verschiedener Familienmitglieder abhängt. Drei Rollen sind besonders wichtig. Der Wertekustos ist ein namentlich benanntes Familienmitglied – typischerweise ein Seniorenmitglied mit Legitimität und langem institutionellem Gedächtnis –, das für die Erstellung der Auditdokumentation, die Einberufung der Überprüfungssitzungen und die Pflege der formalen Dokumentation der Werteentwicklung verantwortlich ist. Der Liaison für die Nachfolgegeneration ist ein namentlich benannter Vertreter der jüngeren Generation, der sicherstellt, dass das Audit authentische Perspektiven jener Familienmitglieder einfängt, die künftig Governance-Verantwortung übernehmen werden, anstatt lediglich die Präferenzen der aktuellen Entscheidungsträger zu ratifizieren. Das unabhängige Ratsmitglied ist ein familienfremder Governance-Fachmann – ein erfahrener Advisor, ein Family-Governance-Spezialist oder ein ehemaliger Regulierer –, der Widerspruch einbringen und verhindern kann, dass das Audit zur Selbstbeweihräucherung wird.

Familien, die unter Schweizer Stiftungsrecht oder als deutschem Recht unterliegenden Familienstiftungen operieren, sollten beachten, dass die Rolle des unabhängigen Ratsmitglieds – auch wenn sie im Familiengovernance-Kontext informell bleibt – eine dokumentierte Spur erzeugt, die in treuhänderischen Entscheidungskontexten relevant sein kann. Wo ein Familienmitglied zugleich Stiftungsrat oder Treuhänder ist, belegt die Teilnahme an einem dokumentierten Werte-Audit jene reflektierte und informierte Entscheidungsfindung, die Gerichte und Behörden von Fiduziaren erwarten.

Wandel dokumentieren, ohne Kontinuität zu verlieren

Eine beständige Sorge bei Familien, die Werte-Audits durchführen, ist, dass das Dokumentieren von Veränderungen Instabilität impliziert – dass ein Aussenstehender, wenn die Umweltpositionen des Familienportfolios 2018 anders waren als 2024, folgern könnte, die zugrundeliegenden Werte seien unzuverlässig. Diese Sorge ist unbegründet, und ihrer Begegnung bedarf es einer klaren Dokumentation der Unterscheidung zwischen Kernwerten und kontextabhängigen Anwendungen. Eine gut strukturierte Werteaufzeichnung zeigt, dass das Kernbekenntnis zum Umweltschutz seit dreissig Jahren konstant geblieben ist, während sich die spezifischen Investitionsausschlüsse, die es ausdrücken, mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand, regulatorischen Rahmenbedingungen und verfügbaren Anlageinstrumenten weiterentwickelt haben. Das ist keine Inkonsistenz – das ist Governance-Reife.

Das Dokumentationsformat ist entscheidend. Werteaufzeichnungen sollten als lebende Dokumente mit Versionskontrolle und explizitem Änderungsprotokoll geführt werden – nicht als eigenständige Erklärungen, die bei jeder Überarbeitung vollständig ersetzt werden. Das Änderungsprotokoll schafft institutionelles Gedächtnis, ermöglicht neuen Familienmitgliedern zu verstehen, wie heutige Richtlinien entstanden sind, und liefert Beweis-Kontinuität in Kontexten – Rechtsstreitigkeiten, Aufsichtsanfragen, FATCA- oder AIA-Due-Diligence –, in denen die Entscheidungsgeschichte der Familie material wird.

Nachfolgegenerationen einbinden, ohne Kohärenz zu verlieren

Der häufigste Scheitelmoment des Scheiterns in der generationenübergreifenden Werte-Stewardship ist der Übergang, bei dem die Gründer- oder zweite Generation Governance-Verantwortung an die dritte oder vierte abgibt. Dieses Scheitern nimmt typischerweise eine von zwei Formen an: Die ältere Generation verweigert jüngeren Mitgliedern eine bedeutungsvolle Beteiligung bis kurz vor einem späten Übergabe­zeitpunkt, der keine wirkliche Vorbereitung ermöglicht – oder die jüngere Generation erhält Governance-Verantwortung ohne das Kontextwissen, diese sinnvoll auszuüben. Beide Varianten erzeugen das gleiche Ergebnis: einen Werterahmen, der auf dem Papier existiert, aber dem menschlichen Verständnis ermangelt, um zu funktionieren.

Eine wirkungsvolle Integration der Nachfolgegeneration erfordert strukturierte Beteiligung lange vor dem Übergang von Governance-Befugnissen. Eine UBS-Umfrage aus dem Jahr 2021 ergab, dass Familienmitglieder, die vor der Übernahme formaler Verantwortung an mindestens drei Governance-Zyklen teilgenommen hatten, deutlich höhere Entscheidungssicherheit und deutlich geringere Konfliktraten berichteten als jene, die ohne Vorbereitung übergegangen waren. Der Mechanismus ist entscheidend: die Teilnahme als benannte Governance-Rollenträgerin ohne Stimmrecht unterscheidet sich bedeutsam von blossem Beisitzen in Familiensitzungen.

Ein wirksamer Ansatz ist das Modell der «Werte-Apprenticeship»: Mitglieder der Nachfolgegeneration übernehmen für einen definierten Zeitraum Verantwortung für eine spezifische werteabgeleitete Funktion – die Begleitung eines Teils des Förderungsprozesses, die Erstellung der Werte-Auditdokumentation oder die Funktion als Liaison der Familie zu einer spezifischen Gemeinschaftsinvestition –, bevor sie breitere Governance-Rollen übernehmen. Dieses Modell bietet echte Erfahrung mit den operativen Implikationen von Wertebekenntnissen, schafft Verantwortlichkeit ohne übermässigen Druck und generiert institutionelles Wissen, das in einer Person verankert ist – nicht in einem Dokument.

Werte werden nicht passiv vererbt. Sie werden durch die Beteiligung an folgenreichen Entscheidungen unter explizit normativen Rahmen weitergegeben.

Werte-Stewardship unter regulatorischem Druck

Das regulatorische Umfeld, in dem Family Offices agieren, ist im vergangenen Jahrzehnt erheblich anspruchsvoller geworden, und mehrere Entwicklungen haben direkte Implikationen für die Werte-Stewardship. Familien, die robuste interne Werterahmen aufgebaut haben, sind besser positioniert, diese Anforderungen zu bewältigen, als jene, die Compliance und Governance als getrennte Bereiche behandeln.

Der automatische Informationsaustausch (AIA), der dem OECD-Standard CRS folgt und in der Schweiz durch das AIAG sowie in Deutschland durch das FKAustG umgesetzt ist, hat die Opazität grenzüberschreitender Strukturen für Familien, die Privatsphäre als Selbstzweck betrachten, nicht mehr aufrechtzuerhalten. Familien, deren Werte Transparenz und einen fairen Steuerbeitrag umfassen – zunehmend häufig, insbesondere bei jüngeren Generationen –, erleben CRS/AIA-Compliance nicht bloss als rechtliche Pflicht, sondern als Werte-Ausdruck. Jene, deren formulierte Werte diese Grundsätze einschliessen, deren Strukturen aber auf Opazität ausgelegt wurden, stehen vor einer kohärenten Governance-Herausforderung: Entweder werden die Strukturen angepasst, um mit den formulierten Werten übereinzustimmen, oder der Wertekodex wird überarbeitet, um die tatsächlichen Prioritäten ehrlich abzubilden.

Die globale Mindeststeuer von 15 % unter BEPS Pillar Two – in der Schweiz seit 2024 in Kraft, in Deutschland in fortgeschrittener Umsetzungsgesetzgebung – betrifft Most Family Offices mit Betriebsstättengewinnen unterhalb der EUR-750-Millionen-Umsatzschwelle nicht direkt. Für Familien mit Betriebsgesellschaften relevanter Grösse oder Beteiligungsstrukturen mit bedeutenden passiven Einkünften schafft der Rahmen jedoch Druck, Jurisdiktionsentscheidungen zu überprüfen, die historisch durch Steueroptimierung motiviert waren. Wo ein Familienwert den fairen Beitrag zur öffentlichen Finanzierung einschliesst – ein Grundsatz, der seit 2015 in Wertedokumenten zunehmend häufig erscheint –, bietet Pillar Two einen natürlichen Ausrichtungsmoment: Die Familie kann ihre Strukturen gleichzeitig gegen regulatorische Anforderungen und gegen formulierte Grundsätze prüfen.

Die EU-Offenlegungsverordnung SFDR, seit März 2021 in Kraft, verpflichtet Finanzmarktteilnehmer zur Offenlegung, wie Nachhaltigkeitsrisiken in Investitionsentscheidungen integriert werden. Ihre direkte Anwendung auf Family Offices hängt davon ab, ob das Office Vermögenswerte für Dritte verwaltet oder als in scope eingestufter Finanzmarktteilnehmer gilt. Der SFDR-Offenlegungsrahmen hat sich jedoch zum De-facto-Standard für werteorientiertes Reporting entwickelt. Familien, die ihre Werte und deren operative Übersetzungen dokumentiert haben, sind gut aufgestellt, SFDR-konforme Offenlegungen zu erstellen; jene ohne solche Dokumentation erleben, dass die Verordnung die Lücke zwischen formulierten und gelebten Werten sichtbar macht.

Accountability in den Werterahmen einbauen

Ein Werterahmen ohne Accountability-Mechanismen ist bestenfalls aspirativ und schlimmstenfalls eine Quelle des Zynismus, der eine echte Governance-Kultur untergräbt. Accountability bedeutet in diesem Kontext, dass Abweichungen von werteabgeleiteten Richtlinien durch einen definierten Prozess identifiziert, protokolliert und adressiert werden – nicht stillschweigend akzeptiert oder privat rationalisiert.

Die Accountability-Architektur sollte drei Elemente umfassen. Erstens ein Ausnahmeregister: eine formale Aufzeichnung jeder Entscheidung, die von einer formulierten werteabgeleiteten Richtlinie abweicht, einschliesslich Begründung, Entscheidungsträger und Datum. Die Führung eines Ausnahmeregisters verhindert keine Ausnahmen; es schafft Transparenz und institutionelles Lernen. Eine Familie, die ihr Ausnahmeregister jährlich überprüft und fünfzehn Abweichungen von ihrem ökologischen Investitionsscreening findet, hat handlungsrelevante Information: Entweder ist das Screening falsch und sollte revidiert werden, oder die Entscheidungskultur nimmt den Werterahmen nicht ernst. Beide Schlussfolgerungen sind nützlich.

Zweitens ein jährlicher Werte-Compliance-Bericht, getrennt vom Jahresabschluss, erstellt durch den Wertekustos und dem vollständigen Familienrat vorgelegt. Dieser Bericht sollte die Einhaltung werteabgeleiteter operativer Verfahren, Fortschritte bei kontextabhängigen Anwendungen und Ergebnisse aus dem wertebasierten Förderengagement umfassen. Er muss nicht umfangreich sein – vier bis sechs Seiten sind in der Regel ausreichend –, aber er muss eine echte Einschätzung sein, kein Erfolgsbericht. Die Einbeziehung von Defiziten und Spannungen macht das Dokument glaubwürdig und nützlich.

Drittens ein formales Änderungsverfahren für Kernwerte, das eine qualifizierte Mehrheit im Familienrat sowie einen dokumentierten Beratungsprozess über mindestens einen vollständigen Werte-Audit-Zyklus erfordert. Die hohe Hürde soll nicht Entwicklung verhindern – Kernwerte dürfen sich wandeln –, sondern eine entschlossene Minderheit daran hindern, Grundsätze ohne echten Familienkonsens zu revidieren. Familien, die über Stiftungsstrukturen oder Trust-Konstruktionen agieren, sollten sicherstellen, dass alle in Stiftungssatzungen oder Begleitschreiben (Letters of Wishes) verankerten Kernwerte parallel zu Governance-Revisionen überprüft werden, um eine Divergenz zwischen dem rechtlichen und dem Governance-Rahmen zu vermeiden.

Vom Dokument zur Praxis: die Implementierungssequenz

Für Familien, die diese Arbeit beginnen oder unzureichende bestehende Rahmen überarbeiten, erhöht eine praktische Implementierungssequenz die Wahrscheinlichkeit erheblich, eine gelebte Governance-Praxis zu schaffen und kein weiteres Dokument. Die Sequenz ist nicht normativ – familiäre Umstände variieren erheblich –, sie spiegelt aber die Erfahrungen erfolgreicher Implementierungen über mehrere Generationen und Governance-Kulturen hinweg wider.

Die erste Phase ist ein strukturiertes Werte-Audit des Bestehenden – auch wenn es sich nur um ein informelles Verständnis der Familiengrundsätze handelt. Dieses Audit sollte extern moderiert werden, alle Familienzweige mit Governance-Standing einbeziehen und explizit zwischen Kernwerten und kontextabhängigen Präferenzen unterscheiden. Planen Sie vier bis sechs Monate für diese Phase; überhastete Wertearbeit produziert Dokumente, die keine echte Zustimmung tragen.

Die zweite Phase ist das Übersetzungsmapping: Für jeden identifizierten Kernwert arbeitet das Governance-Team systematisch die operativen Domänen durch – Investitionen, Philanthropie, Personal, Immobilien, Geschäftstätigkeit – und identifiziert aktuelle Richtlinien, die diesen Wert bereits kodieren oder kodieren sollten. Dieses Mapping wird fast mit Sicherheit Fehlorientierungen aufdecken; der Zweck ist, diese explizit zu machen, nicht sie zu übergehen.

Die dritte Phase ist die Richtlinienrevision: Aktualisierung des IPS, der Förderrichtlinien, des Mitarbeiterhandbuchs für Family-Office-Personal und aller weiteren operativen Dokumente, um werteabgeleitete Regeln explizit aufzunehmen. In dieser Phase sollte Rechtsberatung einbezogen werden, um sicherzustellen, dass werteabgeleitete Einschränkungen in durchsetzbaren und mit treuhänderischen Pflichten vereinbaren Begriffen formuliert sind.

Die vierte Phase ist der Aufbau der Governance-Infrastruktur: Einrichtung des Ausnahmeregisters, Etablierung der Rollen des Wertekustos und des Liaison für die Nachfolgegeneration, Terminierung des ersten Werte-Compliance-Berichts sowie Verankerung des 18-bis-24-Monats-Audit-Rhythmus im formalen Governance-Kalender. All das erfordert kein ausgefeiltes institutionelles Design; es erfordert dieselbe Disziplin, die die Familie bereits auf ihre Anlage-Governance anwendet – angewendet auf ihre normative Governance.

Familien, die über drei oder mehr Generationen echte Wertekohärenz aufrechterhalten, sind nicht jene mit den am schönsten formulierten Wertekodizes. Es sind jene, die bereit waren, die Einschränkung durch ihre eigenen formulierten Grundsätze zu akzeptieren, Spannungen offen anzusprechen statt sie zu unterdrücken, und in die Governance-Infrastruktur zu investieren, die Werte operational macht – statt bloss aspirativ. Die Arbeit ist weder glamourös noch technisch komplex. Sie ist jedoch die Grundbedingung für alles, was Familienvermögens-Stewardship zu erreichen beabsichtigt.

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